Dreierpack und Phantomtor: Fast alles “Champions League”

Der HG-interne Fußgallgipfel zwischen der “Ersten” und der Ic bleibt ohne Sieger – bringt aber viele atemberaubende Erkenntnisse.
Es gibt diese Tage in einer Saisonvorbereitung, an denen Medizinbälle, Tempogegenstöße und Abwehrverschiebungen einfach mal Pause haben müssen. Und so trafen sich die 1. Herrenmannschaft und die Ic der HG Oftersheim/Schwetzingen, um eine Frage zu beantworten, die den Verein vermutlich schon seit Jahrzehnten beschäftigt: Wer sind eigentlich die besten Kicker der HG?
Um jegliche Ausreden bereits im Keim zu ersticken, wurde nicht etwa auf Kleinfeld oder mit irgendwelchen handballerfreundlichen Sonderregeln gespielt. Nein. Großfeld. Elf gegen elf. Fliegende Wechsel ohne Beschränkung.
Also praktisch Champions League – nur mit deutlich mehr Kreisläufern, erheblich weniger Fußballern und Spielern, deren natürlicher Reflex beim hohen Ball eigentlich darin besteht, ihn zu fangen.
Lemy macht den Haaland – Lucovic den Roberto Carlos
Während die Erste in den Anfangsminuten offenbar noch versuchte herauszufinden, warum der Ball plötzlich nicht mehr in die Hand genommen werden durfte, legte die Ic los wie die Feuerwehr.
Allen voran Lemy, der gleich dreimal einnetzte und sich damit innerhalb einer Halbzeit nachhaltig für höhere Aufgaben beim DFB empfahl. Ob alle drei Treffer technisch hochwertig waren, interessiert spätestens morgen ohnehin niemanden mehr. Im Spielbericht steht: Dreierpack.
Für das zwischenzeitliche Highlight sorgte schließlich Lucovic. Aus der Distanz fasste er sich ein Herz und jagte das Ding fulminant in den Knick. Ein Treffer der Kategorie: Torwart chancenlos, Mitspieler sprachlos, Torschütze noch mehrere Wochen davon erzählend.
4:0 für die Ic.
Auf Seiten der Ersten herrschte zu diesem Zeitpunkt eine taktische Raumaufteilung, die sich am ehesten mit dem Fachbegriff „vogelwild“ beschreiben ließ.
Viererkette? Mittelfeldpressing? Kompaktheit?
Nein.
Elf Handballer hatten ungefähr gleichzeitig beschlossen, dorthin zu laufen, wo sie den Ball vermuteten, man könnte auch sagen, ein Minispielfest mit großen Kindern.
Kurz vor der Pause gab es dann allerdings das erste Lebenszeichen. Kevin „The Hammer“ stellte unter Beweis, dass sein Künstlername offenbar sportartübergreifend gültig ist, und erzielte das 1:4.
Halbzeit.
Taktiktafel raus: Revolution in der Kabine
In der Pause wurde bei der Ersten schließlich analysiert. Und die Erkenntnisse waren bahnbrechend.
Unter anderem stellte man fest, dass ein Fußballfeld ziemlich breit ist und es unter Umständen Vorteile haben könnte, wenn nicht alle Spieler gleichzeitig auf denselben sieben Quadratmetern stehen.
Die Aufstellung wurde angepasst, Zuständigkeiten verteilt und über eine klare Raumaufteilung gesprochen. Nach 45 Minuten kontrollierter Anarchie hielt damit erstmals so etwas wie Fußballtaktik Einzug.
Und siehe da: Es funktionierte.
Den Anfang machte der linke Schienenspieler und Außenbahnflitzer Sinan Antritter, der zum 2:4 traf und damit die Aufholjagd eröffnete.
Spätestens jetzt begann die Ic zu ahnen, dass vier Tore Vorsprung gegen die Erste möglicherweise doch nur eine Momentaufnahme gewesen waren.
Dann schlug Marc „Matze Schienbein“ Kern zu. Mit einer Technik, über deren genaue Ausführung sich die Fußballlehrbücher vermutlich noch einige Jahre streiten werden, bugsierte er die Kugel zum 3:4 über die Linie.
Plötzlich war wieder alles drin.
Das Phantomtor von Oftersheim
Die Schlussphase entwickelte sich zum offenen Schlagabtausch. Beine wurden schwer, Laufwege kürzer und taktische Anweisungen zunehmend durch das international verständliche Kommando „MACH!“ ersetzt.
Dann, fünf Minuten vor Schluss, war es soweit.
4:4!
Der TSV-Sportplatz bebte.
Doch bereits wenige Sekunden später stellte sich die vielleicht wichtigste Frage des gesamten Abends:
Wer hatte das Ding eigentlich gemacht?
Als wahrscheinlichster Torschütze gilt Max „Mini“ Barthelmess, seines Zeichens Lokalmatador der Siedlung. Ein Mann, der auf heimischem Geläuf naturgemäß jeden Grashalm persönlich kennt und dementsprechend natürlich auch weiß, wo das Tor steht.
Allerdings meldete unmittelbar nach dem Treffer auch der bereits zuvor erfolgreiche Außenbahnflitzer Sinan Antritter berechtigte Ansprüche an. Dieser soll den Ball auf seinem Weg ins Tor noch entscheidend abgefälscht haben.
Die einen sahen Barthelmess.
Die anderen sahen Antritter.
Und aufgrund der inzwischen deutlich fortgeschrittenen Lichtverhältnisse sah ein nicht unerheblicher Teil der Anwesenden überhaupt nichts mehr.
Der VAR war nicht vor Ort. Eine kalibrierte Torlinientechnik stand ebenfalls nicht zur Verfügung. Und so konnte auch nach intensiver Befragung aller Beteiligten keine zweifelsfreie Entscheidung getroffen werden.
Daher bleibt das 4:4 vorerst das große Phantomtor von Oftersheim.
Die inoffizielle Wertung bis zur endgültigen Entscheidung des HG-Sportgerichts lautet: Barthelmess (Antritter?) – 85. Minute.
Sicher ist nur: Der Ball war drin.
Und der TSV-Sportplatz bebte wie zu den besten Zeiten des Feldhandballs.
Partielle Sonnenfinsternis verhindert die Entscheidung
Dass sich die Urheberschaft des Ausgleichstreffers nicht mehr zweifelsfrei feststellen ließ, hatte allerdings auch äußere Gründe.
Denn ein Gegner erwies sich an diesem Abend als stärker als beide Mannschaften zusammen: die Dunkelheit.
Die Sichtverhältnisse verschlechterten sich aufgrund einer spontan auftretenden und lokal offenbar besonders ausgeprägten partiellen Sonnenfinsternis zunehmend.
Erschwerend kam hinzu, dass Platzmeister Lothar im Vorfeld nicht rechtzeitig bezüglich der Flutlichtmasten konsultiert worden war.
Ein organisatorisches Versäumnis, dessen Tragweite erst mit fortschreitender Spieldauer vollständig sichtbar wurde – beziehungsweise eben gerade nicht mehr sichtbar wurde.
Eine Verlängerung oder gar ein Elfmeterschießen hätte zweifellos endgültig klären können, welche Mannschaft die fußballerische Vorherrschaft innerhalb der HG innehat. Da jedoch irgendwann weder Mitspieler noch Gegenspieler und vermutlich auch der Ball nur noch eingeschränkt zu erkennen waren, einigten sich beide Mannschaften auf ein diplomatisches und für alle Beteiligten zufriedenstellendes 4:4.
Auf ein Elfmeterschießen wurde verzichtet.
Vielleicht aus Sicherheitsgründen.
Vielleicht wegen der Dunkelheit.
Vielleicht aber auch, weil niemand herausfinden wollte, wie Handballer eigentlich Elfmeter schießen.
Das Fazit
Die Ic bewies mit einer furiosen ersten Halbzeit und einem 4:0-Lauf, dass sie durchaus weiß, was man mit einem Fußball anfangen kann. Die Erste wiederum zeigte Moral, stellte in der Halbzeit sensationellerweise fest, dass Raumaufteilung im Fußball eine gewisse Bedeutung besitzt, und kämpfte sich von 1:4 auf 4:4 zurück.
Am Ende gab es also keinen Sieger.
Oder anders formuliert: Die Frage nach den besten Kickern der HG bleibt ungeklärt.
Fest steht lediglich:
Lemy kann Tore schießen.
Lucovic trifft aus der Entfernung den Knick.
Kevin „The Hammer“ trägt seinen Beinamen offenbar nicht nur aus Marketinggründen.
Sinan Antritter beherrscht als linker Außenflitzer die komplette Außenbahn und möglicherweise sogar das Erzielen von zwei Toren gleichzeitig mit einem Mitspieler.
Marc „Matze Schienbein“ Kern beweist, dass beim Fußball nicht immer der Spann entscheidend sein muss.
Max „Mini“ Barthelmess bleibt als Lokalmatador der Siedlung Hauptverdächtiger beim Phantomtor des Abends.
Und Platzmeister Lothar sollte beim nächsten HG-Fußballgipfel unbedingt frühzeitig in die Spieltagsplanung eingebunden werden.
So endet ein denkwürdiger Abend mit einem gerechten 4:4, einigen offenen Fragen und der Erkenntnis, dass die HG auch auf dem Fußballplatz durchaus konkurrenzfähig ist.
Endstand: 4:4.
Fußballqualität: streckenweise vorhanden.
Taktische Disziplin: ab der 46. Minute entdeckt.
Sichtverhältnisse: ausbaufähig.
Unterhaltungswert: Champions League.
Und jetzt können alle Beteiligten beruhigt wieder das machen, was sie wirklich können: Den Ball in die Hand nehmen.


