Was für ein unglaubliches Spiel, was für ein phantastisches Comeback. Die Drittliga-Handballer der HG Oftersheim/Schwetzingen lagen zwischenzeitlich am Boden der Bertha-Benz-Halle zerstört darnieder und feierten am Ende dennoch einen absolut verdienten 22:21 (10:13)-Sieg über die TGS Pforzheim. Sie stellen damit die aktuell drittbeste Auswärtsmannschaft der Liga.


Doch was war geschehen? Die HG-Trainer Holger Löhr und Matthias Polifka hatten die Aufgaben der fehlenden Rückraumakteure Adrian Fritsch und Simon Förch hinten wie vorne gleich auf mehrere Schultern verteilt. Doch der Plan drohte schon nach weniger als 120 Sekunden zu wanken, als Lino Messerschmidt eine reichlich frühe Zeitstrafe absitzen musste. Doch egal wie, der Gast führte nach knapper Viertelstunde 6:3, musste dann noch einen Gegentreffer hinnehmen, bevor das Unfassbare geschah. Mit Daniel Hideg flog der letzte fixe Punkt im Rückraum der HG direkt mit Rot vom Platz, als ein TGS-Angreifer durch die Deckung brach, und war fortan von seinem Tribünenplatz als Facebook-Reporter aktiv.
Der vermeintliche „Übertäter“ berichtete: „Ich bin bei Davor Sruk schon ein bisschen spät dran und ziehe die Hände, die waren auf Hüfthöhe, noch extra zurück und ging noch etwas runter. Aber er hat den Kopf ganz tief und zielt noch zur Hand, so dass ich ihn noch streife. Das war nie im Leben Rot, vielleicht zwei Minuten, weil es blöd aussieht.“ Auch sein Coach meinte diplomatisch, dass es sich trefflich über die Auslegung dieser Aktion reden und streiten ließe. „Das müssen wir dann halt akzeptieren.“ Auch das heimische Publikum wollte in Teilen diese Entscheidung so nicht mittragen, äußerte Unverständnis.
Damit setzte keiner mehr einen Cent auf das verbliebene Team – trotz bestehender Führung. Orientierungslos wie ein Hühnerhaufen kam fast erwartungsgemäß nichts Konstruktives mehr zustande. Die Folge waren unvorbereitete Pässe und Würfe, gefundenes Fresser für Pforzheims Abwehr. Über 6:6 (18., Zeitpunkt der ersten Oftersheim/Schwetzinger Auszeit) ging die TGS mit 11:6 (25.) in Führung. Löhr opferte seine zweite Grüne Karte. „Ich habe den Jungs vorgegeben, diese letzten fünf Minuten bis zur Pause zu gewinnen, was ja auch mit 4:2 gelang. Das hat ihnen dann wieder Mut und Zuversicht für den zweiten Durchgang gegeben.“ Löhr hatte schon seit dem ersten Timeout, und von da an konsequent bis zum Abpfiff, den siebten Feldspieler zum Einsatz gebracht.
Die HG-Jungs kassierten zwar noch das 14:10 und das 15:12, hatten den Kopf da aber schon wieder oben und frei. Julian Zipf war kaum zu bremsen und netzte dreimal hintereinander ein, Niklas Krämer, dem kurz vorher noch ungeahndet im Auge rumgestochert worden war („Das hat Hölle weh getan, ich konnte nichts mehr sehen.“), sorgte bei seiner Rückkehr auf die Platte für den Ausgleich, Lukas Sauer machte im Siebenmeternachwurf die Führung perfekt. Aber jetzt blieb ihr Team am Drücker. Auch weil Löhr immer wieder kurz in 3:2:1- oder 4:2-Formation decken ließ. „Wir haben immer wieder andere Deckungsvarianten eingestreut. Das hat ganz gut geklappt und vorne haben wir auch gute Lösungen gefunden.“
Den Ritt auf der Rasierklinge (15:17,18:20, 20:20, 21:21) bestand die HG auch, weil Torwart Marius Gabel nicht nur als Sprinter zwischen Bank und Kasten unterwegs war, sondern einiges an Bällen wegbügelte. „Wir haben Fehler im Angriff gemacht, das war zu billig“, echauffierte sich auch TGS-Trainer Andrej Klimovetz. „Marius war der Matchwinner, weil er viele freie Bälle gehalten hat. Das machte am Ende den Unterschied aus“, wird Gabel vom Weltmeister geadelt.
Denn dessen letzten Einsätze waren dringend notwendig. Christian Fendrich hatte mehr als zwei Minuten vor Abpfiff den Endstand hergestellt, nachdem zuvor schon ein Angriff in die Binsen gegangen war. Jetzt wehrte Gabel einen Siebenmeter ab und hielt auch sonst seinen Laden sauber, als die Hausherren nach einem weiteren Fehlwurf noch einmal anstürmten.
 
HG: Gabel, Unser; Barthelmeß, Messerschmidt (2), Rudolf (3), Zipf (4), L. Sauer (3/2), Krämer (3), Mehl (2), A. Sauer (1), Fendrich (2), Körner, Hideg (2).


Siebenmeter: 6/5:5/2. Zeitstrafen: 0:6 Minuten. Zuschauer: 700.  mj